Von der Lust, auf dieser Welt zu leben

Was ist Realität? Beim Lesen und überarbeiten der Übersetzung des 17. Kapitels von Life Safari stosse ich heute nochmals auf die Unterhaltung von Jack mit Ma Ma Gombe, die sich um genau diese Frage dreht. Jack ist sehr nachdenklich und schweigsam, obwohl er gerade zuvor erneut die faszinierende Schönheit und Würde der Natur erlebt hat, die sich ihm in Gestalt majestätischer Nashörner und anderer Tiere offenbart hat. Als Gombe ihn anspricht, gesteht Jack seine Verzweiflung. Er hat seinen Traum gelebt, kann sich inzwischen aber nicht mehr vorstellen, wie er sich in seine Realität einfinden soll, wenn die Wanderung mit Ma Ma Gombe irgendwann beendet sein wird. Und wer kennt das Gefühl nicht: Schon ein Buch, ein Bild oder eine Idee kann diese Sehnsucht in uns entfachen – und tiefe Depression auslösen. Alles nur ein Traum! Die Wirklichkeit sieht anders aus, komm‘ wieder runter auf den Boden der Tatsachen! So oder ähnlich schlagen wir uns unsere Träume aus dem Kopf und arrangieren uns mit der nackten Wahrheit. Mit der ungeschminkten Realität. Abgesehen davon, dass das Problem vor allem darauf hinweist, dass wir die Mad-How-Disease noch nicht überwunden haben, wenn wir uns mit dem „Wie soll das bloß gehen?“ quälen, lohnt es sich, die Eingangsfrage noch einmal zu beleuchten: Was ist Realität?
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Diktatur der Gutmenschen

»Gutmenschen haben kein Interesse daran, dass Menschen stark und unabhängig werden. Denn das bedeutet Machtverlust!« Als ich diesen Satz von Boris Grundl hörte, war mir klar, dass ich sein neuestes Buch lesen musste. Wahrscheinlich hätte ich es ohnehin gelesen, weil ich bis dato noch jedes Mal von seinen Themen und Inhalten positiv überrascht worden bin. Herr Grundl ist eine Persönlichkeit, die ihre Wirkung – auch darum geht es übrigens im Buch – auf andere aus eigener Leistung und absoluter Unabhängigkeit und Flexibilität heraus erzielt. Und aus angemessener Bescheidenheit. Niemals nimmt Boris Grundl für sich in Anspruch, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Immer macht er unmissverständlich klar, dass er über seine eigenen Erfahrungen und seine Wahrnehmemung spricht. Das gefällt mir, denn es lässt dem Zuhörer oder Leser die Freiheit, sich eine eigene Meinung zu den Inhalten zu bilden, ohne unter einen Anpassungsdruck zu geraten. Wie auf einem Büffet, bietet Grundl seine Einsichten an und lädt die Zuhörer und Leser ein, den Inhalt auf sich selbst wirken zu lassen. Freilich bedeutet es nicht, dass Grundl zu einem beliebigen „Nimm, was dir schmeckt und wirf alles in einen Topf. Es wird gut werden“ rät. Systematisches und ehrliches Befassen mit den Inhalten, getragen von dem Ziel, den Absender verstehen zu wollen, ist das, was Grundl empfiehlt. Auch das gefällt mir, denn nur so lassen sich Voreingenommenheit und Beliebigkeit am besten ausschliessen.
Diktatur der Gutmenschen ist erschienen im ECON-Verlag, Berlin, und kostet 19,95 €
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