Medicine Story

Medicine_Story
Manitonquat (Medicine Story)

Dieser Text ist ein Abschied. Und eine Verneigung vor einem Menschen, dem ich persönlich nie begegnet bin – leider. Und dennoch fühle ich mich Medicine Story sehr nahe. Meine Kollegin Birgit Konteh hat im vergangenen Jahr einen Online-Summit zum Thema „Being You“ veranstaltet. Dort hat sie in Gesprächen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten die Frage gestellt, die sich viele Menschen stellen, wenn sie sich mit der Entwicklung ihrer Persönlichkeit beschäftigen: „Was brauchst Du, um ganz Du selbst zu sein?“ Manitonquat, so sein indianischer Name, gehörte mit seiner Frau Ellika auch zu den Interviewten. Birgit führte das Gespräch in Englischer Sprache und bat mich um die Transkription und Übersetzung des Inhalts.

Auf diese Weise bin ich dem Menschen Manitonquat sehr nahe gekommen. Heute erhielt ich die Nachricht, dass Manitonquat, Medicine Story, wie ihn jeder nennt, seine letzte Reise angetreten hat. „Der Tod klopft an“, so formulierte es die Mutter seiner Söhne in einem Facebook-Post. Ich bete für eine sanfte Reise für Manitionquat. Und ich danke Birgit, dass Sie der Veröffentlichung meiner Übersetzung des Gespräches aus dem Sommer 2017 zugestimmt hat. Auf diese Weise möchte ich beitragen, dass der Geist, den Story (und mit ihm Ellika) in diese Welt getragen hat, weiter zugänglich bleibt. Er hat mich sehr beeindruckt und ich danke für die Begegnung!

Hier nun der Wortlaut des Interviews:

Birgit Konteh [in deutscher Sprache]: Herzlich Willkommen zu einem ganz besonderen Gespräch (…). [Medicine] Story und Ellika sind derzeit in Österreich im Circle Way Camp. Ich werde das Interview auf Englisch führen [und Uwe wird es übersetzten]. Ich habe mich damit entschieden für ein Mehr an Lebendigkeit (…). Ich möchte euch einladen, ein Stück hinter die Worte zu hören und in diese Atmosphäre einzutauchen, die hier an diesem Ort und die mit Story und Ellika fühlbar ist. [weiter in Englisch]

Ein sehr herzliches Willkommen euch beiden. Es ist eine große Freude, dass ihr euch Zeit nehmt für dieses Interview. Da ich nicht weiß, ob viele Menschen wissen, wer ihr seid, möchte ich voraus schicken, dass ihr mir in den vergangenen Jahren wichtige Lehrer und Freunde geworden seid, die mir viel bedeuten. Ich habe euch nicht vorgestellt. Du bist Medicine Story, Manitonquat, vom Volk der Wampanoag in Nordamerika. Und dein Herz gehört dem Circle Way, dein Herz gehört dem Wohlmeinenden Zuhören. Und Ellika Lindén, in Schweden geboren, du bist seit vielen Jahren an der Seite von Story. Du unterstützt ihn, du bist mit ihm zusammen und du bist das weibliche Herz des Circle Way.

Ich habe die Idee, weil jeder Kreis mit einem Gebet beginnt, und daher wünsche ich mir, dass unser Kreis – wir sind hier zu dritt vor der Kamera und viele Menschen, die dieses Interview nun anschauen – auch eröffnet werden möge mit einem Gebet.

Vielleicht erläuterst du mit ein paar Worten zunächst, warum du stets mit einem Gebet eröffnest. Was ist der Hintergrund dieser Praxis?

Medicine Story: Alles, was ich in den vergangenen 50 Jahren unternommen habe, geschah aufgrund der Weisheiten, die ich von Ältesten der Nordamerikanischen First Nations [Urvölker] empfangen habe. Als ich studierte – und zwar Psychologie und viele andere Disziplinen des Geistes und der Spiritualität, um herauszufinden, was den Menschen fehlte, also warum wir uns immer noch bekämpfen. Welches die Ursachen für Krieg und Kriminalität, Drogen, Gewalt und Verletzungen sind, die Menschen sich zufügen – fand ich keine schlüssigen Antworten.

Ich fand zufriedenstellende Antworten erst, als ich zurückkehrte zu meinem Volk und einer der Ältesten mir riet, weiter gen Nordwesten zu ziehen, nach Kanada, und weiter nach Westen und in den Südwesten zu gehen, um die Völker zu besuchen, welche die alten Traditionen bewahrt hatten. Die wüssten mehr über das, was ich suchte. Ich solle sie fragen.

Als ich dort den Ältesten begegnete, waren sie alle sehr erfreut mich zu sehen. Einige sagten gar: dich hat der Schöpfer hierhergeführt. Doch viele unserer jungen Leute haben sich nicht interessiert, was sie berichteten. Die Ältesten waren sehr bereit, ihr Wissen weiterzugeben. Ein Wissen, welches sie nicht als Ihr Wissen, oder Indianisches Wissen oder Wissen einer Nation bezeichneten, sondern als Allgemeingut. Als Prinzipien, die allen Menschen gemein waren. Sie nannten sie die ursprünglichen Gebote.

Als ich das gehört hatte, was sie zu sagen hatten, verstand ich plötzlich. Es machte alles Sinn und ich wusste: ah, deshalb sind wir in diesen Schlammasel geraten.

Sie trugen mir auf, überall dort, wo ich eingeladen war – also nicht ungebeten als Missionar, sondern auf Einladung – wo immer diese Fragen gestellt wurden, bereitwillig Antworten zu geben. Und genau das mache ich also seit mehr als vierzig Jahren.

Und vor 32 Jahren begegnete ich dieser Lady, die zu meiner zweiten Hälfte wurde, und zu meiner zweiten Stimme. Was ich vergesse, das behält sie. Sie ist der feminine Teil und das weibliche Verständnis in unseren Lehren…

Ellika: … und du hast das Gebet vergessen!

M: Was habe ich vergessen?

E: Das Gebet.

M: Oh! Ja, richtig, ich war im Begriff, den Ursprung des Gebets zu erläutern. Also eines der Gebote, die wir empfangen haben, war auch der Hinweis, stets mit einem gemeinsamen Dankesgebet zu beginnen. Und so habe ich diese Form vorgeschlagen. Ich meine, wenn wir alle im Kreis sitzen, sollten wir auch etwas gemeinsames haben.

Ich fühle mich sehr wohl mit diesem Dankesgebet, welches ich als Essenz aus Gebräuchen des Volkes der Soni entwickelt habe, bei denen ich einige Jahre gelebt habe. Bei ihnen konnte das gut über eine halbe Stunde dauern, denn sie haben tatsächlich für alles mögliche gedankt, sogar den Erdbeeren, die wuchsen.

B: Bitte zeig uns, wie das Gebet aussieht.

M: Das will ich tun. Wir beginnen, in dem wir uns bei der Hand nehmen. Nicht jedes Volk macht das auf diese Weise, aber mein guter Freund Medizinmann Slow Turtle hat uns immer aufgefordert, einander bei den Händen zu nehmen. Und ich halte das für eine gute Idee. Denn wenn man sich an den Händen fasst, formt man eine Art Kreis. Etwas sonderbar geformt, doch es ist ein geschlossener Kreis. Und ich finde, wenn wir uns anfassen, ist es unmöglich, einander zu ignorieren, weil wir uns fühlen können. Also: seht euch an und begrüßt euch, dann dankt einander, dass wir kommen konnten, um dieses Mal beisammen zu sein.

Und dann beginnen wir, indem wir unsere Mutter grüßen. Mutter Erde ist der Anfang von allem, der Ursprung, aus dem alles Leben stammt. Sie hat für uns gesorgt unser ganzes Leben lang, gibt uns alles, was wir benötigen. Alles, was wir besitzen, ist ein Geschenk dieser großzügigen Mutter und ihre Schönheit heilt uns auch. Wir vereinigen uns also und senden Dank an Mutter Erde. Ho!

Und „Ho“ bedeutet: „Ich habe gesprochen“. Und alle antworten „Ho!“ Als Zeichen, dass sie es gehört haben.

Danach erweitern wir unser Bewusstsein und beziehen alle anderen Kinder von Mutter Erde mit ein, die Familie von Mutter Erde, die auch unsere Familie ist. Und wir begrüßen die Pflanzen-Völker, die ihre Wurzeln in die Erde und die Meere wachsen lassen. Und alle Tiere, die graben, krabbeln, schwimmen, fliegen. Und alle anderen Menschen, jene Zweibeiner da draußen, in ihren unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Bräuchen sprechen. Wir anerkennen uns als gemeinsame Familie, die verschieden und interessant ist und die voneinander lernt. Sie alle teilen viele Gaben mit uns und es ist wichtig, dass wir allen Verwandten unseren Dank aussprechen, dass sie unser Leben bereichern. Und wir vereinigen unsere Herzen und spenden Dank an alle Verwandten auf der ganzen Welt. Ho!

Und dann weiten wir unseren Blick, weg von Mutter Erde in den Himmel zur Großmutter Mond (sic!). Sie ist gerade gestern Nacht voll gewesen, so wunderschön und herzerwärmend. Und zu Großvater Sonne (sic!), der seine ganze Energie zu uns sendet. Und an alle Wesen da draußen im großartigen Kosmos, die ihre Aufgaben erfüllen, auf ihrer Bahn kreisen und tun, was die Schöpfung für sie erdacht hat. Wir sehen, dass alles gut ist. Die Realität dort draußen funktioniert wie es sein soll, und wir sind froh darüber. Wir erkennen, dass auch das Teil unserer Familie ist. Wir sind Teil dieser Reise, die vor fast 14 Milliarden Jahren seit dem ersten Leben auf der Erde begonnen hat. Und wir verfolgen diese Reise immer mit großem Interesse. Ich lerne jederzeit von unserer Familie da draußen im Kosmos. Wir vereinigen unsere Herzen nun und danken all jenen entfernten Verwandten im großen Kreis des Universum. Ho!

Wenn wir damit an alles gedacht haben, was wir wissen, weiten wir unser Bewusstsein noch einmal und erkennen, dass wir nur sehr wenig wissen. Die Dinge, die noch entdeckt werden wollen und die wir noch nicht kennen, sind so zahlreich, dass wir gut daran tun, bescheiden zu bleiben angesichts unseres Unwissens. Nicht prahlen, dass wir wissen …

Dennoch, ein paar Dinge wissen wir: wir sind hier, zusammen, in diesem Moment, wir sind lebendig, hören einander zu wie wir Erinnerungen teilen. Es ist wichtig, dass wir das Leben nicht für selbstverständlich halten. Wir könnten nicht mehr am Leben sein. Somit sollte Leben für uns bedeuten, dass wir einander helfen, das Leben gut zu gestalten und verstehen, dass wir nur berenzt Zeit verfügbar haben, kostbare Zeit, die wir gemeinsam nutzen sollten, so gut es eben geht. Wir wissen nicht, wer für das alles verantwortlich ist, ich jedenfalls weiß es nicht: Andere nennen die Insatz beim Namen. Für einige ist es Gott, oder Allah, oder Großer Geist. Für mich sind das nur Namen, die Menschen erfunden haben. Sie verbinden damit Geschichten, die sich teilweise stark unterscheiden. Wer wollte entscheiden, welche Lesart die Richtige ist? Vielleicht sind alle richtig, vielleicht alle falsch. Mein Punkt ist: es scheint mir alles ein Mysterium zu sein, das sich unserem Wissen entzieht. Wir sollten uns darauf verständigen, das der überwiegende Teil unseres Lebens ein Mysterium ist. Und ich glaube, wir sollten auch dafür dankbar sein. Vereinigen wir also unsere Herzen ein weiteres Mal und senden wir unseren Dank für dieses Leben an das große Mysterium. Ho!

»Somit sollte Leben für uns bedeuten, dass wir einander helfen, das Leben gut zu gestalten und verstehen, dass wir nur begrenzt Zeit verfügbar haben, kostbare Zeit, die wir gemeinsam nutzen sollten, so gut es eben geht.«

Okay, das bringt uns alle auf den gleichen Stand, als wären wir alle im selben Boot. Wir leben alle gemeinsam hier und jetzt und wir können Dinge miteinander erleben. Das ist wunderbar!

Birgit: Wahrscheinlich wissen viele Leute nicht, dass du bereits 87 Jahre alt bist. Du verfügst also über sehr viel Lebenserfahrung!

Manitonquat: Es ist für mich kaum zu verstehen. Ich erlebe bald mein zehntes Jahrzehnt. Geboren wurde ich in den Zwanzigern, und lebte in den Dreißigern, Vierzigern, Fünfzigern, Sechzigern, Siebziegern, Achtzigern, Neunzigern, der ersten und nun der zweiten Dekade im neuen Jahrtausend. Ja, Ich beginne mein 88 Lebensjahr.

B: Wie lautet deine Erkenntnis dazu, was es braucht, dass ein Mensch ganz er selbst ist?

M: Ganz selbst sein. Nun, da gibt es zunächst einmal in meinem Volk unterschiedlichste Meditationen und Zeremonien für diesen Zweck, besonders als Medizinmann. Wie gehen raus, ganz alleine in die Natur wo wir dann sitzen und nachdenken über all diese Fragen: hier bin ich nun also, wer bin ich also? Was mache ich hier? Was ist mein Bezug zu alldem? Wozu ist mein Leben gut, worum geht es in meinem Leben? Was soll ich tun? Und all diese anderen Fragen.

Später dann, viel später, weitere… 36 Jahre später begegnete ich einer anderen Art von Lehre einer anderen Disziplin. Es gab diese Denkschule bereits seit 1951, und sie war bereits ziemlich gut entwickelt in dem Bemühen, eine Gemeinschaft auf der ganzen Welt zu schaffen, und die nannte sich „Re-evaluation Counseling“. Das hat mich stark beeindruckt, ich beschäftigte mich damit, wurde ein Lehrer, und begann mit dem System zu arbeiten welches sie co- counselling nennen. Ich erzog meine Kinder nach diesem System und hatte eine ganze eigene Gemeinschaft und ich glaube ich war darin sehr gut, vermutlich weil mein Verständnis von dem was auf der Welt schief lief, – ich werde über die Gründe dafür sprechen wenn ich über die Geschichte der Welt heute Abend rede – doch züruck: es ist eine sehr alte Geschichte in der wir alle in Kreisen lebten. Und das macht uns menschlich. Wo wir einander helfen und uns unterstützen, für unsere Kinder sorgen und auch für unsere Ältesten. Das macht uns zu Menschen. Und es ist weiterhin in uns angelegt wir haben das von der Evolution geerbt, in unserer DNA. Wir alle wollen behilflich sein, wir wollen in Gemeinschaft leben, miteinander verbunden sein. Aber das hat sich gelöst. Irgendwann, noch vor der Erfindung der Schrift – wir wissen nicht genau wann das war und ich hab so Vermutungen darüber – ändert sich das alles. Und es ändert sich wie ich glaube, weil die Bevölkerung zu stark wuchs in einigen Bereichen in denen sich Zivilisation entwickelte. In diesen Bereichen fingen die Probleme an, und sie fingen an, weil die Menschen keine Kreise mehr hatten.

Ihnen fehlte das Verständnis, weshalb der Kreis so wichtig war. Und plötzlich war jeder auf sich allein gestellt, einsam, kein Kreis mehr. Wie soll ich überleben? Als wir den Kreis hatten, galt das Versprechen dass der Kreis für dich sorgt. Vom Zeitpunkt deiner Geburt bis zum Tod wird er immer da sein und du wirst für ihn da sein. Und es gab das nun nicht mehr. Was uns zusammenhält, dieser Leim aus Liebe, mit Gefühl, Hilfsbereitschaft, funktionierte nicht mehr. Stattdessen dominierte nun die Angst. Wie werde ich alleine überleben?

Unter diesen Bedingungen waren jene, die überlebten, die körperlich Stärksten, die Kräftigsten. Es waren Männer, alle waren Männer, sie übernahmen die Führung. Sie waren die Kriegsherren sie führten die Gangs. Es war eine Entwicklung der Zivilisation. Sie wurden zu Königen, zu Kaisern und zu Pharaonen. Heute sprechen wir von Präsidenten von Premierministern von CEOs, jenen Menschen denen „die Welt gehört“. Sie benutzen ihre Macht, weil ihnen die Welt gehört, um alles in der zu entscheiden um die Institutionen zu leiten. Und das sind alles Pyramiden mit einer Spitze. Mit den Vorgesetzten mit den Oberen an der Spitze und seinem Kabinett und all den Günstlingen. Da sind sie beisammen. Und die Polizei und die Armee, die alles zusammenhalten und kontrollieren unter Androhung von Gefängnis oder Schlimmerem.

Darunter findet sich dann die Gruppe von Menschen die es geschafft haben über die Runden zu kommen, denen es „gut“ geht. Und die Mehrheit der Menschen dann am unteren Ende, den es nicht gut geht, die in Armut leben und dieses System existiert immer noch. Und in mancher Hinsicht ist es schlimmer als jemals zuvor. Die Kluft zwischen den sehr Reichen und den sehr Armen ist größer als jemals zuvor.

Mein Verständnis davon ist dieses: wir haben alle noch eine ziemlich intakte Intelligenz, Kreativität. Wir haben unsere Liebe und Mitgefühl. Wir haben ein Gefühl von Spiel und Spaß. Wir wissen, wie es ist wirklich zu leben. Aber wir leiden darunter, dass wir nicht mehr gemeinsam, nicht mehr zusammen sind, dass wir nicht mehr eine schönere und bessere Welt erschaffen.

An diesem Punkt möchte ich meinen Freund Charles Eisenstein erwähnen, denn er hat ein wunderbares Buch geschrieben mit dem Titel „Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich.

Jeder weiß, dass die Welt, in der wir leben, nicht menschlich ist. Dass sie uns nicht gut tut, und wir können uns eine bessere Welt vorstellen. Aber wir stecken fest, weil wir nicht zusammenarbeiten, weil wir es nicht gemeinsam unternehmen. Ich liebe dieses Buch weil er so eloquent ist und so gut durchdacht. Er schreibt es auf besser als ich es könnte. Deswegen empfehle ich es weiterhin überall. Wenn du mehr darüber wissen willst, Ich bin sicher das gibt es auch im Deutschen.

Aber meine Aufgabe besteht darin, Menschen miteinander zu verbinden.

B: Wie machst du das? Einige Menschen werden nicht wissen, was es mit dem Weg des Kreises (Circle Way) auf sich hat. Während du gesprochen hast, habe ich diesen Stab genommen. Welche Funktion hat der?

M: Der hilft nur dabei, sich auf das Zuhören zu konzentrieren. Worum es geht, ist einander zuzuhören. Die ursprüngliche Art, miteinander in Verbindung zu gehen. Charles (Eisenstein) spricht von der Alten Gesichte. Es ist nicht wirklich die alte Geschichte, es ist eine ältere Geschichte, in der wir alle aufgewachsen sind. Es ist die Geschichte der Trennung. Niemand hört dir zu. Es hört überhaupt niemand einem anderen zu, es sei denn jemand hat Geld und kann sich die Zeit kaufen, in den Medien und dergleichen.

B: Was kannst du uns sagen, oder Ellika, vielleicht auch du? Was geschieht in uns, wenn wir einander zuhören?

M: Nun, du bekommst die Chance, du selbst sein zu können. Die Art von Zuhören, die wir lehren, nenne ich unterstützendes Zuhören. Natürlich hört jeder irgendwie zu, aber ich habe es beim Re-evaluation Counseling gelernt, dass es darauf ankommt, wirklich einander wirklich Aufmerksamkeit zu schenken, und auch den anderen zu Wort kommen zu lassen. Dadurch werde ich die Hälfte jeder Zeit, die wir gemeinsam verbringen, dir zuhören. Diese Zeit ist dann nicht meine Zeit, sondern es ist deine Zeit. Sie gibt dir die Gelegenheit, in deine Seele zu horchen, in die Herz zu horchen und alles auszudrücken, was dort schlummert. Dich vollständig auszudrücken, dich vollständig zu finden, wenn du einen unterstützenden Zuhörer hast, der möchte, dass du das tust. Der dich kennen und erkennen möchte, als die Person, die du bist. Der dich darin bestärkt, das, was dich ausmacht ganz zu verkörpern.

B: Ist damit gemeint, dass wir einander den Raum geben, um uns zu entfalten. Um ganz wir selbst zu sein?

M: Ja. Der zweite Aspekt, den ich vom Re-evaluation Counseling gelernt habe: Unterstützendes Zuhören ist exakt das Selbe wie Co-Counselling. Absolut identisch. Es macht keinen Sinn, das Rad zweimal zu erfinden. Sie haben das gut entwickelt. Das habe ich gelernt und dann selbst unterrichtet. Ich wollte ihren Begriff allerdings nicht verwenden, denn es ist ein Begriff für ihre Zwecke, für die Gemeinschaft im Re-evaluation Counselling, sie nennen es Co-Counselling. Ich wollte das nicht beschlagnahmen, also habe ich einen eigenen Begriff dafür geschaffen. Ich habe gesagt, wir machen das genau so und nennen es dann mit einem anderen Namen. Unterstützendes Zuhören. Und dieser Name zeigt bereits genau, worum es geht: um das Zuhören, aber in einer konstruktiven, unterstützenden Weise.

Du gehst nicht mit deinen Themen hausieren, du analysierst nicht, was jemand sagt und gibst auch keinen Rat. Du spielst auch nicht den Oberlehrer oder moralischen Richter. Du hörst einfach zu, und unterstützt die Person, und zwar der wirklichen Person, die sich hier zeigt.

Und noch etwas habe ich vom Re-evaluation Counseling gelernt: Wir sind oftmals nicht der, der wir wirklich sind. Machmal tun und sagen wir Dinge, die wir im Nachhinein ganz schrecklich finden. Nun, wie es die Psychologie eben so zu tun pflegt, hat man das zurückgeführt auf frühe Kindheitserfahrungen. Die Persönlichkeit ist noch sehr verletzlich. Wir wissen schon, dass wir alleine nicht überleben können ohne Erwachsene, doch wenn die uns im Stich lassen, wenn die Erwachsenen uns nicht zuhören, keine Aufmerksamkeit schenken und uns nicht respektieren, sondern uns ignorieren oder sogar misshandeln, ist das extrem schmerzhaft. Es trifft uns tief im Kern. Und jene Dinge, die wir mit uns herumtragen, die sich dann in diesem Momenten äußern, wenn wir etwas tun oder sagen, in dem wir uns anschließend nicht erkennen können, sind Ausdruck dessen, was uns als Kind widerfahren ist.

Daher versichere ich jedem, wie es auch das Re-evaluation Counseling tut, dass unsere wahre Persönlichkeit nicht in diesen Verhaltensmustern oder Störungen zum Ausdruck kommt, die wir in uns tragen, sondern wir sind so, wie wir geboren wurden. Das wird besonders deutlich, wenn du ein kleines Baby ansiehst, ein Neugeborenes. Du kannst es nicht ansehen und sagen: „Na, ich weiss nicht, ob dieses Kind ein guter Mensch ist, es sieht irgendwie böse aus, ob daraus noch was gutes wird?“ Nein. Jeder sieht auf ein Baby und staunt: „So vollkommen, so wundervoll!“ Ein Baby erobert sofort jedes Herz im Sturm, weil es so vollkommen und wunderbar ist. Und das geht uns allen so. So sind wir. Alles andere ist nur Ballast, der uns vor die Füße fällt.

Unterstützendes Zuhören ist also eine Art, diese Dinge anzupacken, die uns wehtun, sie zu verstehen, sie auszusprechen und Zuspruch zu erhalten, wenn wir sagen: „das bin ich nicht. Ich schleppe das nicht für den Rest meines Lebens mit mir herum. Ich bin dieses wundervolle kleine Kind und ich beschließe, so wunderbar zu bleiben.“ Dieser Entschluss ist wichtig. Das Loslassen dessen, was uns verletzt hat. Es hilft uns auch, andere Menschen besser zu verstehen, denen wir zuhören. Denn wenn sie Dinge sagen, die verletztend sind, oder ausgrenzend, wissen wir, dass das nicht zeigt, wie sie sind, sondern wie sie verletzt wurden. Und wir möchten ihnen bei der Bewältigung helfen.

B: Ellika, welches sind deine Erfahrungen mit dem unterstützenden Zuhören? Welches sind deine Erfahrungen in all diesen Jahren, in denen du an der Seite von Story lebst? Wie nimmst du den Weg des Kreises wahr?

Ellika: Ich muss gerade an die Kreise denken, die wir in Gefängnissen in den USA gemacht haben. Es war mein erstes, nein mein zweites Erlebnis eines Kreises und wie wir einander zuhören können, Respekt bezeugen, nicht streiten, nicht unterbrechen.

Als die Männer den Redestab bekamen und ihrem Herzen Ausdruck verleihen konnten, auch die Zeit dafür erhielten und die anderen ihnen zuhören konnten, geschah etwas auf einer ganz tiefen Ebene. Also, harte Männer, die in einem Kreis aufstehen und zu weinen beginnen vor anderen Häftlingen, das kann man sich kaum vorstellen, auch weil es sehr gefährlich sein kann (…). Im Gefängnis darfst du keine Schwäche zeigen. Männer dürfen das oft nicht mal in der Gesellschaft, schwach sein, ist gefährlich. Es ist so fantastisch zu sehen, wie diese Männer aufwachen. Denn wenn jemand mutig genug ist, auf der Ebene Erfahrungen zu teilen, öffnet das den Rest der Gruppe.

B: Es ist eine Einladung.

E: Ja, eine Einladung, dich selbst zu finden und deine Stimme zu entdecken vor all diesen Menschen. Das hat eine Verbindung unter ihnen entstehen lassen. Eine tiefe Verbindung, die nach 31 Jahren immer noch besteht. Sie sind immer noch Freunde, viele von ihnen. Das war also die Erfahrung des Kreises.

Das unterstützende Zuhören ist Teil des Kreises. Es ist ein zusätzliches Plus im Kreis, welches es ermöglicht noch tiefer zu gehen. Wenn du nur einen Zuhörer hast, oder zwei, hast du mehr Zeit, tiefer zu gehen und mehr Vertrauen zu entwickeln, als in einer großen Gruppe.

B: Heute im Zeitalter des Social Media, ist es sehr interessant. Es gibt diesen Vortrag auf TED.com von Johann Hari. Er hat über den Zusammenhang zwischen Sucht und Verbindung gesprochen. Er hat gesagt, dass Verbindung das Gegenteil von Sucht ist. Das hat mich an eure Arbeit erinnert. Er spricht davon, wenn es keine gegenseitige Beziehung zwischen zwei Menschen gibt, ist es sehr leicht, dass eine Sucht entsteht. Man hat ein großes Forschungsprojekt dazu gemacht, wie sich Sucht bekämpfen lässt. Und ohne Verbindung ist es nicht möglich. Ich finde es sehr schön, dass die Forschung das nun auch bestätigt. Interessant finde ich, dass ich dies heute morgen auf der Reise zu euch gelesen habe. Eure Arbeit ist so einfach. Der Weg des Kreises ist ganz grundsätzlicher Natur. Er geht so tief und heilt auf so tiefe Weise.

M: In der Welt passieren aktuell eine Menge guter Dinge. Es gibt mehr Menschen, denen klar wird, dass die alte Geschichte der Trennung nicht funktioniert. Das können wir nicht ändern, solange wir keine Verbindung haben zu einer neuen Geschichte von Wiedervereinigung und Rückbindung. Und damit beginnen, einander wieder wirklich zuzuhören. Das geschieht nun auf vielen verschiedenen Ebenen an unterschiedlichen Orten. Die Leute beginnen wieder, in Gemeinschaften zu leben in Öko-Dörfern, wo sie sich auch um die Umwelt kümmern, Permakulturen entwickeln und dergleichen. Ich bin ein Teil dieser Bewegung. Ich netzwerke sehr gerne mit diesen Menschen und lasse sie wissen, dass es uns gibt. Unser Beitrag in dieser Hinsicht ist meiner Ansicht nach die Betonung unserer Güte, unserer natürlichen Güte. Und der Aufmerksamkeit darauf, was diese Güte stört, was echten Schaden anrichtet. Wie wir unseren Kern finden können durch unterstützendes Zuhören. Wie wir damit die wahre Seele stärken können, die wir eigentlich sind.

B: Es gibt sicher Menschen, die diese Unterhaltung, die wir hier führen, verfolgen und sich sagen: „Ich weiß nicht, wer ich wirklich bin. Ich habe mich verloren, habe mich einmal das Gefühl, dass ich ein Geschenk für die Welt sein könnte. Ich habe keine Ahnung, warum ich hier bin.“ Welchen Rat könnt ihr Menschen geben, die sich in einer solchen Stimmung befinden? Wie kann jemand in dieser Lage zu sich zurück finden?

M: Wie auch Immer du es anfängst, von wo auch immer du dich auf den Weg machst: Beginne mit der Lektüre von Charles Eisenstein. Oder die 12 Bücher, die ich inzwischen herausgebracht habe. Suche nach jedem Ort, an dem sich Menschen in diesem Geist treffen, und wenn es Selbsthilfegruppe sein sollten, für Alkoholiker oder Drogen. Jede solcher Gruppen. Ich empfehle beispielsweise, dass sich auch Elterngruppen formen, weil sie eine vernachlässigte Teilgruppe sind, die kaum Unterstützung bekommt. Sie müssen lernen, sich selbst zu helfen und auch den Rest der Welt um Unterstützung zu bitten, weil sie eine der wertvollsten Aufgaben auf der Welt erfüllen und keiner Anerkennung dafür erhalten. Dieses Thema bestimmt einen großen Teil meines letzten Buchs „Die Freude, für Kinder auf dem Weg des Kreises zu sorgen“.

E: Wenn es einen Menschen gibt, der nicht weiß, wo er oder sie beginnen soll: vielleicht gibt es einen Freund, mit der er oder sie Zeit verbringen kann. Und wenn du zuhörst, dann bitte ganz und gar, ohne ein Wort zu sagen. Lass die andere Person entdecken, was in ihren Gedanken und in ihrem Herzen schlummert. Das ist einfach, man muss dafür keine Ausbildung machen. Natürlich kann man viel mehr Dinge auf dem Weg des Kreises lernen, aber das allein, einander Zeit zum Reden zu schenken, anstatt zu urteilen, anzuklagen oder schlechte Dinge zu reden über Menschen in einem Kreis oder über Gesprächspartner. Einfach nur frei aus dem Herzen zu reden, wie du fühlst, ohne Schuldzuweisungen an irgendjemanden, weil das Unsicherheit schafft. Wenn man sich auf der Ebene austauscht, ist es auch wichtig, zu betonen, dass niemand ausserhalb des Kreises erfährt, was im Kreis gesprochen wird.

M: Ja, das ist vertraulich!

E: Es ist vertraulich. Also kannst du an jedem Ort anfangen. Du kannst beginnen, einen Kreis zusammen zu bringen und einander zuzuhören.

M: Und wir benutzen dieses Werkzeug hier [hält den Talking Stick in der Hand], einen Stab. Mein Volk verwendet gewöhnlich einen Stab, doch es könnte alles mögliche sein. Ein Maulwurf, eine Rassel, eine Feder. Alles, was du herumreichen kannst, sogar die Brille eines Teilnehmers wäre geeignet. Die Person, die es in ihrem Besitz hat, ist diejenige, der zugehört wird. Und alle anderen sind in der Rolle des unterstützenden Zuhörers. Einfach ohne jede Wertung zuhören, der Person, die spricht, helfen, ihre Dinge auszusprechen. Ich habe diesen Stab geschnitzt mit einem Herz auf der Spitze, um jeden, der den Stab hält, daran zu erinnern, aus dem Herzen zu sprechen. Nicht aus dem kritischen Verstand, sondern aus der tiefen Intuition, dem tiefen Verlangen des Herzens, von dort, wo sich deine wahre Kraft entfaltet. Das Herz habe ich geschnitzt, wie es der Erdkugel entwächst, so wie wir alle aus der Erde stammen. Einer Erde, die auf dem Rücken einer Schildkröte reitet. Denn das ist die alte Legende meines Volkes: die Erde wird getragen auf dem Rücken einer alten spirituellen Schildkröte. Einem Symbol des Lebens.

B: Was ist der Unterschied? Möglicherweise können sich viele Leute das gar nicht vorstellen, worin der Unterschied besteht, wenn man mit einem Stab redet, oder ohne. Wie ändert sich die Energie, wenn man mit dem Redestab spricht?

M: Nun, wenn wir es jetzt verwenden würden und du den Stab hält, dann würdest du keine Fragen stellen. Du würdest Fragen stellen, die dein Herz bewegen, du würdest Fragen stellen, die dich selbst bewegen. Du würdest in dich gehen, um dich selbst zu finden. Du würdest dich fragen „Wer bin ich? Was mache ich hier? Was ist mein Lebenszweck? Was ist mein Ziel?“ Wenn du zufriedenstellende Antworten auf deine Fragen erhalten hast, wirst du ein sehr einfaches, direktes Leben führen, so wie ich es tue. Ich bin sicher: Meine Rolle im Leben besteht darin, Menschen in Verbindung zu bringen. Und wo ich mich auch befinde, ist das meine Aufgabe. Ganz simpel, geradeheraus: ich bin dazu da, um Menschen zusammen zu bringen, damit sie einander zuhören. Und zwar zuhören in einer unterstützenden Weise.

B: Ich kann es förmlich spüren: wenn ich den Stab halte, er ist in vielen Kreisen von Hand zu Hand gegangen. Mir hat das gefallen, ich hatte ja bereits auch meine persönliche Erfahrung mit dem Weg des Kreises. Es hilft mir, leichter mit meinem Kern in Verbindung zu gelangen. Was ich fühle. Es ist deswegen einfach, weil ich durch den Stab spüre, dass mir die Aufmerksamkeit aller gilt. Uns allen mangelt es doch so oft an dieser Aufmerksamkeit. Zu oft müssen wir darum kämpfen, dass uns jemand zuhört. Es ist also eine Art, Raum zu geben. Es lässt den Körper entspannen. Es fühlt sich so an, dass ich entspannen darf, weil der Raum nun mir gehört. Ihr schenkt mir den Raum, den ich benötige um auszusprechen, was aus meinem Herzen spricht.

M: Ja. Es ist auch hilfreich, dass du weisst, dass alle Zuhörenden eine Vereinbarung getroffen haben, dir auf eine unterstützende Weise zuzuhören. Nicht kritisierend mit abwertenden Gedanken im Sinn, sie versuchen auch nicht, dir Rat zu geben, oder ihre eigenen Gefühle auszusprechen. Sie hören dir einfach zu, um zu verstehen, wie sie dir helfen können.

B: Und genau das habe ich eben gespürt, als ich den Stab hielt. Dass ihr mich unterstützt, meine Worte zu finden.

M: Ein Gedanke, den Charles [Eisenstein] herausstellt ist der: wir befinden uns in einem Zwischenraum zwischen der alten Welt, der alten Geschichte, wie er es nennt, und der neuen Geschichte. In der alten Geschichte des Trennenden sind wir es gewohnt, manchmal funktionieren wir selber so, doch es gefällt uns nicht: wir möchten in Verbindung sein, wir wollen unterstützt werden.

Und immer mal wieder packt es uns, weil wir so aufgewachsen sind und erzogen wurden: wir kritisieren einander, wir errichten das Trennende. Und die einzige Antwort darauf, sagt Charles und ich stimme ihm zu, liegt darin, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln. Den Moment bewusst wahrzunehmen: ooops! Nun rede ich aus einem Raum der Trennung. Jetzt bin ich es, der alle anderen von mir fernhält, anstatt sie hier in meine Nähe zu bringen, wo ich mit dir vereint bin und wir dann wirklich eine Menge abarbeiten können.

Allein sich dem bewusst zu werden, ist schon hilfreich. Ich selbst denke auch oft noch kritisch, und wenn mir das passiert, denke ich: oh-oh, das ist die alte Geschichte! Ich bin dabei zu trennen. Ich stecke die Menschen in Schubladen. Aber ich außere es nicht, muss es auch nicht äußern, weil es mir bewusst geworden ist, dass ich genau das eigentlich nicht tun wollte. Und indem ich es nicht an die große Glocke hänge, hilft es unserer Gemeinschaft, nicht übereinander herzufallen.

B: Ellikat möchtest du etwas dazu sagen?

E: Ja, wenn du jemandem im Kreis oder in einer Sitzung zuhörst, musst du keinesfalls derselben Meinung sein. Diese Person hat ihre Geschichte und möchte sie erzählen und in ihrer Weise betrachten, es ist dann keine Debatte. Das ist wichtig, weil wir so oft miteinander argumentieren und einander überzeugen möchten. Wir müssen niemanden überzeugen, sondern zuhören: was möchtest du wirklich sagen? Was liegt hinter dem, was du sagen möchtest? Wer bist du? Wer spricht da zu mir? Es interessiert mich, ich möchte dich kennen lernen!

M: Wir haben gerade ein Camp beendet, es war sehr gut organisiert, von Menschen, die das Konzept schon lange kennen und anwenden. Es war harmonisch und sehr gut bis zum letzten Moment, als jemand eine Geschichte erzählte. Die Art, wie sie erzählt wurde, oder der Inhalt hat die Verletzungen eines Zuhörers wieder zum Vorschein gebracht. Der hat dann widersprochen und ist dazwischen gegangen, obwohl wir eine gemeinsame Vereinbarung hatten, genau das nicht zu tun. Wir haben uns geeinigt, in solchen Fällen zu warten und es später zu klären. Aber dieser Zuhörer hat die Rede unterbrochen und alles stand still. Andere die zugehört hatten, riefen: lass die Person zuende reden! Wieder andere waren der Meinung, alles abzubrechen. Kannst du dir vorstellen: direkt vor unseren Augen sind die Menschen, die eben noch ganz harmonisch miteinander waren, aufeinander losgegangen. Da schmerzt das Herz, doch es passiert uns allen. Und es zeigt mir, dass wir bewusst sein müssen und uns immer wieder klarmachen, woran ich die Lehrer auch immer erinnere: dass wir uns darauf verständigen was die Grundsätze sind: einander nicht zu kritisieren!

Wir wollen uns unterstützen, nicht schlecht reden, nichts Trennendes zwischen uns stellen, sondern in Verbindung bleiben. Wir wollen einander unterstützen. Und wenn das unser Ziel ist, so ist es dann, wenn wir es komplett verbocken, einen Fehler begehen und alle in Chaos und Konflikt stürzen: okay, ein Fehler. Das kommt vor. Wir vergeben uns und sagen: ups, da habe ich einen Fehler gemacht. Kein Beinbruch, wir alle machen Fehler und wir unterstützen uns. Lasst uns wieder einander unterstützen!

B: Für mich war es sehr wichtig, den Kreis persönlich zu erleben. Zu spüren, wie es ist, durch das Zuhören unterstützt zu werden. Wenn du das einmal erfahren hast, geht es dir in Fleisch und Blut über, möchte ich sagen. Du hast es im Herzen verinnerlicht. So als wenn du im Dunkeln lebst und einmal ein Licht siehst, wirst du dich immer an das Licht erinnern. Eure Arbeit, die ich nun seit fünf oder sechs Jahren kenne, ist für mich solch ein Licht! Es gibt einen Weg für uns, inmitten dieses Chaos in der Welt, auf dem wir vorangehen können, wenn wir uns gegenseitig Räume eröffnen. Und es macht weit.

M: Einen Teil im Weg des Kreises, den wir heute noch nicht angesprochen haben, ist die Trennung, die uns alle von der Natur entfernt. Von den anderen Lebewesen, von der Erde, von unserem natürlichen Selbst. Wir alle lieben die wunderschöne Erde und hören nicht auf, immer mehr Dinge auf sie zu türmen und sie zu verschmutzen. Das tut weh!

Daheim haben wir eine Naturschule, in der wir Kindern helfen, die Verbindung wiederzuerlangen. Es ist wunderbar zu sehen, wenn die Kinder aus dem Bus steigen und losrennen in die Natur, die Tiere und alles zu erleben. Sie sind so aufgeregt. Das kennen sie gar nicht mehr. Sie sind es gewöhnt, vor dem Fernseher zu sitzen oder auf ihr Smartphone zu starren. Sie erfahren diese tiefe Verbindung zur Natur nicht mehr, die wir noch fühlen. Das ist also ein wichtiger Teil des Weges des Kreises, dort wieder Verbindung entstehen zu lassen.

Ich bin auch damit beschäftigt, das Werk von Edward O. Wilson, dem großen Biologen, zu fördern. Er hat ein neues Buch in diesem Jahr veröffentlicht mit dem Titel „Half Earth“ (Die Hälfte der Erde). Er beschreibt darin, wie wir die Biosphäre zerstören, in der alles Leben stattfindet. Stück für Stück, aber die Menschen dabei, genau das zu tun. Auf lange Sicht wird es sehr schmerzhaft für alle Lebewesen sein, auch für uns. Es ist sogar vorstellbar, dass die Welt komplett zerstört wird. Doch Wilson hat einen Vorschlag, der Hoffnung spendet:

Die Hälfte der Erde und die Hälfte des Meeres zu schützen und zu einer natürlichen Wildnis zu erklären, in die der Mensch nicht eingreift, die er nicht verschmutzt. So, als würden wir in einen Nationalpark oder einen Naturwald gehen. Die Hälfte der Erde und die Hälfte des Meeres zu schützen, und alle Lebewesen, die sich in der Hälfte befinden, sollten sich entschleunigen zurück zur Lebensweise der Evolution, wie sie seit 4 Milliarden Jahren auf der Welt existiert, und die wir mit unserer Technologie und dergleichen unterbrechen und zerstören.

B: Wie verändern wir uns, wenn wir in einer natürlichen Umgebung leben? Wie unterstützt uns die Natur?

M: Nun, wir wissen, wie uns die Natur unterstützt, aber das kümmert uns nicht wirklich. Wir müssen das in den Schulen unterrichten. Wir müssen selbst raus gehen in die Natur und auch unsere Familien und einfach das Leben um uns beobachten und wie wir damit verbunden sind. Wie ein Vision-Quiz. Je mehr wir das tun, desto heilsamer wird es für uns. Die natürliche Liebe, die wir für die Natur und ihre Schönheit besitzen, die ist heilsam für uns! Sie erinnert uns und bringt uns zurück.

B: Wir sind dann also Teil der Natur?

E: Genau!

M: Genau!

B: Wenn wir nun auf unsere Reise der vergangenen 45 Minuten blicken, was möchtet ihr unserem Publikum mitteilen? Dazu, wie sie sie selbst sein können? Dazu, wie sie selbst spüren können, dass sie ein Geschenk für die Welt sind?

M: Ich würde dazu raten, dass die Menschen sich stärker darauf fokussieren, was gut ist, und weniger darauf, was nicht gut ist. Das Negative bekommt hat so viel mehr Kraft, dass es leicht unser Bewusstsein dominiert. Es führt leicht zu einer Fixierung auf düstere Gedanken.

Ich habe mich intensiv mit positiver Psychologie beschäftigt, die sich auf einem ähnlichen Weg zu meinem bewegt. Sie hat folgendes erforscht: Wenn es uns gelingt, für jeden negativen Gedanken fünf positive Dinge in unseren Fokus zu nehmen, sind wir in etwa ausgeglichen. Jedes Verhältnis von weniger als 5:1 dagegen hat negative Folgen für unsere Beziehungen zu anderen Menschen. Wir sind unausgeglichen. Das möchte ich allen Zuhörern mitgeben: Fünf zu eins! Wenn ich irgendetwas kritisches zu meiner Frau sage, antwortet sie: okay, du schuldest mir jetzt fünf mal Positives! [Lachen]

B: Es hat den Anschein, dass das mit dem Fünf zu eins bei euch beiden ziemlich gut hinkommt.

E: Ja!

M: Ja!

B: Ellikat, was möchtest du am Ende dieses Kreises anfügen?

E: Dein Geschenk, deine Gabe, kann alles möglich sein. Es ist aber sehr wichtig, dass du entdeckst, was es ist. Eines Tages bin ich in Stockholm mit dem Bus gefahren und alle Passagiere waren in sich gekehrt und bedrückt. Und der Fahrer sagte: „Leben wir nicht in einer wundervollen Stadt. Schaut mal aus dem Fenster, da draußen gibt es dieses und jenes.“ Seine Gabe bestand darin, die Menschen aufzuheitern. Du kannst ein Busfahrer sein, oder eine Bedienung in einem Restaurant. Egal wo du dich befindest: du kannst überall entdecken, dass du mit einer Gabe beschenkt bist, um die Menschen glücklicher zu machen. Es ist so wichtig, dass du einen Weg findest, dich nicht klein zu machen, dich nicht abzuwerten. Und auch nicht andere. Denn wenn du dich klein fühlst und gering, dann entziehst du dem Leben Energie. Wenn du sagst: „Ich habe einen Fehler begangen. Ich vergebe mir. Beim nächsten Mal werde ich es besser machen“, wenn du etwas freundlicher mit dir umgehst, dich nicht verurteilst, dann wirst du auch andere nicht mehr verurteilen. Wenn wir uns selbst verurteilen, verurteilen wir auch andere.

Vielleicht, wenn du deine Freunde triffst, oder wenn du schlecht gelaunt aufwachst, denke daran, was gut ist in deinem Leben. Wähle die Frequenz des Guten. Wir machen das, ab und an, wenn wir etwas mit uns selbst beschäftigt sind. Denn die guten Dinge sind immer da, aber wir schenken nicht ihnen Aufmerksamkeit, sondern den Dingen, die schlecht sind. Die Energie folgt der Aufmerksamkeit, wie die Menschen in Hawaii sagen. Wenn ich alle Aufmerksamkeit auf meine Ablenkungen und meine schlechten Gefühle richte, werden sie stärker. Und wenn ich nur etwas Aufmerksamkeit auf die positiven Gefühle richte, dem Lächeln, mit dem du mich heute begrüsst hast, oder dem Vogel, den ich singen hörte, oder was auch immer: Es ist immer etwas da, wofür du dankbar sein kannst. Und das kann dich aufrichten und erfüllen. Es ist nicht immer leicht [lacht].

Und natürlich die gegenseitige Wertschätzung füreinander. Wir machen das auch jeden Tag und sagen uns etwas freundliches: „Du hast da etwas sehr gutes gemacht“ zum Beispiel.

M: Das haben wir schon lange so gemacht, bevor wir vom 5:1 Verhältnis gehört haben. Und als wir das lasen, wussten wir: Oh ja, das ist gut, wir machen das bereits.

E: Wenn du eine bessere Beziehung zu einem Menschen suchst, dann wertschätze die Person! Klage nicht nur an, sondern sehe auch die guten Dinge! Denn wenn du eine Beziehung hast, in der du stets nur die schlechten Dinge ansprichst, dann geht die den Bach runter! Vergiss nicht, dass du mit einem Menschen lebst, oder mit ihm befreundet bist, und du vergisst die guten Dinge zu loben, dann setzt du etwas als selbstverständlich voraus, was nicht selbstverständlich ist!

M: Heute Vormittag hatten wir in einem frühen Teil des Kreises. Jeder hat etwas wertschätzendes gesagt über andere. Für das Organisieren einer Sache, für das Ordnung halten, für das Anreichen der Speisen. Jeder wurde anerkannt. Das war ganz wundervoll, das mag ich am Liebsten. Denn es ist mir klar, dass wenn ich etwas freundliches über dich sage, fühle ich mich selbst besser. Weil ich weiß, das ich das öfters tun sollte, aber dann doch unterlasse. Und bin dann froh, wenn ich es endlich getan habe. Und es ist auch gut für dich. Du freust dich, es zu hören, Du freust dich, dass mir die guten Dinge an dir aufgefallen sind. Und es ist auch gut für alle Zuhörenden, denn auch ihnen ist klar, dass was da passiert ist, etwas positives war. Also haben wir mit nur einem Dankeschön alle Anwesenden aufgerichtet. Und so möchte ich, dass wir auf unsere Beziehungen untereinander schauen.

E: Danke dir also sehr herzlich, Birgit.

B: Ich möchte euch danken! Für all eure Arbeit, ihr reist durch Europa, jedes Jahr, und sendet eure Botschaft. Es ist eure Berufung, mit der ihr so vielen Menschen das Leben aufhellt! Danke euch dafür!

M: Du kannst darauf zählen, dass wir auch nächstes Jahr da sein werden. Warte nur! Mehr Informationen erhaltet ihr im Internet unter Circleway.org

Danke euch allen!

Nachtrag 21. Juli 2018,

Nachricht von Tokeem Talbot:

„Today, my father, Francis Medicine Story Talbot passed away peacefully at our home, surrounded by friends and family. He was 89. Story lived a long, adventurous, beautiful and loving life.

He came from a family of means, but found that material wealth held no interest for him, and he started on a lifelong search for meaning. His path took him many places, as an actor, director and producer on the stage to the hippie movement, crashing the gates of Woodstock and being a part of Rainbow Family, as a storyteller and elder.

He began writing and teaching his ideas on community and returning to our original purpose through a connection with creation and each other, ideas that resonated with the many people whose lives he touched. For decades, he continued his inclusive work of creating circles, teaching, listening and building communities, in his work in prisons in the US and workshops and camps in Europe, until he fell ill only weeks ago.

He is survived by the love of his life and partner in promoting love and peace, Ellika, his two children, Tashin Talbot and Tokeem Talbot, their partners Frieda Tlbt and Tanja (Ta Ta) and his four grandchildren, his brother Jim and his sisters Linda and Mary and his sisters and brothers of the Rainbow Family and the Circle Way. In the coming days, plans for remembering Story together will be announced.

Walk in beauty, Manitonquat“

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